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Westfälische Nachrichten
Dienstag, 27. Januar 1998
Suche nach Identität
Junger westfälischer
Künstler stellt Arbeiten in Berlin aus
BERLIN
Diese Titel!
Wann hat man in einer Galerie für moderne Kunst je derart
originelle Titel für die ausgestellten Gemälde gelesen.
"Liebe nie ohne Toupet", "Kleiner Dämon in
verbrecherischem Zustand", "Mützenklau",
"Barfuß, nur mit einem Pyjama bekleidet" oder
"Über die Brücke rechts und dann noch ein paar Schritte
geradeaus". Sie sind geradezu das Markenzeichen des
1958 im westfälischen Wiedenbrück geborenen Malers und Graphikers
Norman Gebauer. Und der Effekt ist immer der gleiche: Der
Betrachter liest den Titel, blickt auf das Gemälde,
liest nochmals, schaut wieder, zuerst von der Nähe, dann
von der Weite, dann wieder von der Nähe. Und Gebauer hat
sein Ziel erreicht. Er hat Aufmerksamkeit und Interesse
für sein künstlerisches Werk geweckt, mehr noch, den Betrachter
geradezu in seinen Bann gezogen.
Dabei hätte es Norman Gebauer gar nicht
nötig, quasi durch die Hintertür den Blick auf die Leinwand
zu lenken. Seine Gemälde strotzen vor Vitalität, fesseln
durch ihren starken künstlerischen Duktus und überzeugen
durch ihren eigenen Stil. Seit zwei Jahren lebt und arbeitet
Gebauer in Berlin, derzeit läuft in der "Galerie Weißer
Elefant" mitten in der City-Ost, in einer Seitenstraße
zwischen dem Alexanderplatz und dem Rosa-Luxemburg-Platz,
seine erste Ausstellung. Mit unerwartet großem Erfolg. Und
das ausgerechnet in Berlin, der neuen Hauptstadt der Kreativen,
dem Zentrum der jungen, hungrigen Künstler, der neuen Metropole
der Galerien und Ausstellungsräume. Norman Gebauer, der
nach einer Ausbildung als Steinbildhauer in Soest 1983/84
an der Fachoberschule für Gestaltung in Münster sein Abitur
baute und dann in Florenz, Düsseldorf, Mailand und München
studierte, feiert einen Einstand nach Maß: Die Besucher
sind angetan, die Presse nimmt ihn wohlwollend zur Kenntnis,
die Arbeiten finden zahlreiche Käufer.
Gebauers lebenslange Suche nach Identität
kehrt leitmotivisch in seinen ausdrucksstarken Gemälden
wieder. Auf der Leinwand verbinden sich deutscher Tiefgang
und italienische Leichtigkeit, nordische Sinn-Suche und
mediterrane Heiterkeit, es entsteht eine spannende Balance
zwischen Kopf und Herz, Kalkül und Vitalität, nüchterner
Ratio und ekstatischer Emotio. Beim Betrachter baut sich
ein Spannungsfeld zwischen sinnlicher Wahrnehmung und intellektueller
Bewußtwerdung auf, weil sich trotz oder gerade wegen der
orginellen Titel zunächst der Inhalt der Bilder nicht erschließt.
"Kosmonautenmalerei" nennt Gebauer diese Bilder,
die voll philosophischen Gehalts sind: Der Betrachter soll
eine Erkenntnisreise antreten, die Erdenschwere verlassen,
in den schwerelosen Raum schweben und sich von außerhalb
auf die Suche nach sich selber begeben. In den zwei Jahren
in Berlin hat sich Norman Gehauer nach eigenem Bekenntnis
von dem "extrem anregenden Klima der Stadt" anstecken
lassen. Der Künstler spürt sensibel die Brüche der Stadt,
ihren Aufbruch zu neuen Ufern, ihre Suche nach einer neuen
Identität. Das steckt ihn an. Und hat dazu geführt, daß
er einen eigenen Stil entwickelt hat. Gebauer trägt Schicht
für Schicht, Farbton um Farbton auf, die er im Liegen trocknen
läßt. So erzeugt er nicht nur eine besondere Transparenz
der Töne, sondern auch eine besondere Strukturierung der
Oberfläche, die er noch verstärkt, indem er Materialien
wie dünnes Papier oder gar Sand einarbeitet und mit Tusche
gewisse Linien verstärkt. So enstehen eine eigene Form der
Ästhetik, Gemälde mit geradezu plastischer Farbfläche und
beinahe dreidimensionaler Struktur. Da blitzt auch der Bildhauer
durch. Nach seinem großen Erfolg in der Hauptstadt dürfen
sich ab 4. Februar die Steinfurter auf Norman Gebauer freuen:
Die Kulturstiftung der Sparkasse Steinfurt zeigt vom 4.
bis 23. Februar Werke des westfälischen Künstlers.
Martin Ferber
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